Lebensmittelpreise in Deutschland – Erleben wir gerade ein Umdenken in der Bevölkerung durch Corona?

Regelmäßig wird über die Preisgestaltung von Lebensmitteln berichtet – seien es die dauerhaft niedrigen Milchpreise, der Vergleich zwischen Bio- und konventionellem Obst und Gemüse oder Fleisch. Gerade letzteres stand in den letzten Wochen fast täglich im Fokus vieler Artikel, oft aufgrund der Vorkommnisse in der Fleischindustrie im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie. Auffallend ist, dass Lebensmittel vom Erzeuger als „zu günstig“ bezeichnet werden und gerade Milchbetriebe oft nur minimale Gewinne erzielen. Im Februar dieses Jahres waren tausende Landwirte in ganz Deutschland unterwegs, um unter anderem gegen Dumpingpreise zu demonstrieren. Jedoch fehlen oft das Verständnis und die Bereitschaft der Bürger, mehr als 69 Cent für einen Liter Milch oder zwei Euro für ein Kilo Schweinefleisch zu bezahlen. Aber ist das wirklich „zu billig“?

Lebensmittel in Deutschland kosten nicht viel weniger als in anderen EU-Ländern

Vergleicht man die Preise für Lebensmittel mit unseren EU-Mitgliedsstaaten, stellt man fest, dass unsere Lebensmittelpreise ziemlich in der Mitte liegen. Das Preisniveau für Nahrungsmittel in Deutschland lag 2018 bei 102 – der Durchschnitt ist 100. Am teuersten sind Lebensmittel in Dänemark, in Rumänien hingegen am günstigsten.
Obst und Kaffee/Tee/Kakao sind im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sogar deutlich günstiger, jedoch nicht allzu weit abgeschlagen. Wie entsteht also der Eindruck, Lebensmittel seien in Deutschland besonders billig?

 

Lebensmittelausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung

Wenn man allerdings das Einkommen der privaten Haushalte mit in Betracht zieht, erkennt man schnell, dass wir in Deutschland weniger für Nahrungsmittel ausgeben als die Menschen in vielen anderen Ländern – nur in Österreich investiert man prozentual weniger. In Rumänien gab ein Haushalt 26,2 % des Einkommens für Lebensmittel aus, in Deutschland nur 10,8 %. Lebensmittel sind also für die deutsche Wirtschaftslage wirklich günstig, auch wenn uns das bei einem Urlaub in z.B. Rumänien nicht auffällt, wenn wir dort im Supermarkt einkaufen.

Corona und die Lebensmittelpreise

Im Mai 2020 sind die Verbraucherpreise auf den niedrigsten Stand seit mehr als drei Jahren gefallen. Besonders die Energiepreise sind stark gesunken, vermutlich auch im Zusammenhang mit Corona und den daraus entstandenen Maßnahmen. Bei den Lebensmitteln verhält es sich jedoch anders: Obst ist im Vergleich zum Vorjahresmonat um bis zu 11 % teurer, Fleisch um bis zu 9,3 %. Das ist soweit logisch – viele Menschen waren im Homeoffice oder in Kurzarbeit und konnten sich den Arbeitsweg sparen, die Nahrungsaufnahme jedoch nicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben einige Konsumenten auch die Zeit genutzt, ihre Ernährung etwas anzupassen und gesündere Lebensmittel auszuwählen und diese frisch zuzubereiten, um ihr Immunsystem durch vitaminreiche Nahrung zu stärken.

 

Aber die Krise hat noch weitere Aspekte zum Vorschein gebracht: Besonders im Hinblick auf den Mangel an Erntehelfern und die aktuelle Debatte in der Fleischindustrie kocht die Diskussion über die Preisgestaltung bei Lebensmitteln im Zusammenhang mit Werksverträgen, Unterbringung von Saisonarbeitern und allgemeinen Arbeitsbedingungen wieder hoch.
Wir sind gespannt, wie sich das Thema weiterentwickelt.