Duale Ausbildung in Finnland

Ich habe den letzten Monat in Finnland verbracht, um zu erfahren, wie die Ausbildung zum Mediengestalter außerhalb von Deutschland aussieht. Diese Chance wurde mir von der Berufsschule BSZW und dem Erasmus+ Projekt gegeben, wodurch die Kooperation erst zustande kam. Bedanken möchte ich mich besonders bei plantamedium – es ist nicht selbstverständlich, einen Mitarbeiter für solch einen Zeitraum freizustellen.

In diesem Beitrag möchte ich euch nicht nur etwas über die schulischen und beruflichen Seiten Finnlands erzählen, sondern auch eine Übersicht über meinen weiteren Aufenthalt in Finnland. Wer es eilig hat kann gerne die jeweiligen Absätze überspringen; diese sind in einer anderen Schriftfarbe über den Beitrag verteilt.

Meine Reise nach Finnland

Am 20.04.2018 begann das Abenteuer: Unsere Reisegruppe, bestehend aus einem Drucktechnologen und zwei Mediengestaltern, traf sich am Flughafen in Bremen, um die Reise nach Tampere, Finnland zu beginnen. Nach dem ersten Kaffee ging es dann auch schon los: Der Flieger startete planmäßig, der Flug verlief problemlos.

Zu unserer Ankunft waren die Seen neben der Stadt zu großen Teilen noch gefroren.

 

In Tampere angekommen haben wir Thomas kennengelernt, ein Mitarbeiter der finnischen Partnerschule. Hier fiel uns direkt auf: In Finnland werden die Nachnamen kaum verwendet! Selbst die Lehrer haben sich immer nur mit Vornamen vorgestellt. Das hat zu einer sehr kollegialen Beziehung zwischen den Schülern und Lehrern geführt, was für uns zwar erst merkwürdig, später aber sehr angenehm war. Nachdem wir also von Thomas in unsere Apartments gebracht wurden (hier würde man eher WG sagen; 3 Schlafzimmer, in jedem 2-4 Betten, eine Küche und zwei Bäder) ging es zur Schule, wo wir erstmal etwas gegessen haben.

Die Schule

Die Schule hatte eine gut ausgestattete Kantine. Jeden Tag gab es frische Gerichte, neben der täglichen Salatbar gab es mal Eintopf, überbackene Nudeln, Reis- und Gemüsepfannen oder auch Chicken Nuggets; es gab auch immer vegetarische und vegane Alternativen. Fast alle Schüler/innen aßen in der Kantine zu Mittag, da die Preise unschlagbar waren. Für 4,25 € bekam man ein wirklich ausgewogenes Mittagessen und konnte Nachschlag nehmen so oft man wollte. Da in den skandinavischen Ländern die Preise selbst im Supermarkt relativ hoch sind haben auch wir an jedem Schultag hier die Mittagspause verbracht.

Nach unserer ersten Mahlzeit des Tages wurden wir von Johanna – von nun an unsere Vertrauensperson und Lehrerin, durch die Räumlichkeiten der Schule geführt. Die Räume sind so ausgestattet, wie wir es uns an deutschen Schulen wünschen würden: Für die Mediengestalter gab es mehrere, voll ausgestattete Räume mit Macintoshs. Für die Digitalen gab es Windows-Rechner, die auf dem Stand der Zeit sind. Lediglich die Druckerei war nicht auf dem allerneuesten Stand und trotzdem top ausgestattet. Welche Berufsschule in Deutschland hat schon eine eigene Druckerei mit mehreren Offsetmaschinen, Digitaldruck, Siebdruck und Klebebinder?

Das Schulsystem (die Ausbildung)

Die Unterschiede mögen daher kommen, dass Finnland ein anderes Ausbildungssystem hat als wir: Hier gibt es das duale System (noch) nicht. Die Unternehmen wollen junge Mitarbeiter, die ihr Berufsfeld bereits beherrschen und nicht von null anfangen müssen. Hier ist die Ausbildung also rein schulisch. Die Schüler müssen all das, was wir in der Praxis erleben und lernen können in der Schule durchführen. Dafür brauchen Medientechnologen nunmal funktionierende Druckmaschinen und Mediengestalter leistungsstarke Mac´s oder PC-Systeme und KFZ-Mechaniker Hebebünen und voll ausgestattete Werkzeugkoffer. Zur Info: Das rein schulische Ausbildungsprinzip gibt es auch in Deutschland, für Mediengestalter wäre es der Gestaltungstechnische Assistent.

Nachdem wir also unsere Abteilung, die Media-Ala, kennengelernt hatten, war der Schultag auch schon rum. Johanna bot uns an uns in die Stadt zu fahren (die Schule und unsere Apartments lagen ca. 15 Bus-Minuten vom Stadtzentrum entfernt). Dort besuchten wir den Pyynikki Tower, einen alten Aussichtsturm, um erstmal eine grobe Übersicht über die Stadt zu bekommen. Anschließend sind wir mit dem Bus zurück in unsere Apartments gefahren, wo wir erstmal unsere Koffer ausgepackt haben. Oleo Tappara!

Tappara gegen Oulun Kärpät – mein erstes Eishockeyspiel.

 

Am Wochenende haben wir uns durch allerhand Museen geschlagen, man wollte ja auch etwas über das Land und die Kultur erfahren. Ich werde hier jetzt keine Geschichtsstunde starten – wer Interesse daran hat, sollte  auf jeden fall das Vapki-Museum Tampere besuchen.

Der Alltag beginnt

Am Montag begann es dann für uns: Ausbildung als Mediengestalter in Finnland. Unsere erste Aufgabe war es, ein einfarbiges Motiv für den Siebdruck zu erstellen. Vorschriften hatten wir dabei keine. Das Motiv sollten wir am nächsten Tag selbst mittels Siebdruck auf ein T-Shirt bringen. Für diese Aufgaben haben wir eng mit unserem Drucktechnologen zusammengearbeitet: Wir haben ihn dabei unterstützt, sein Motiv digital aufzubauen und er half uns bei der Druckvorbereitung und dem Druck an sich. So konnten wir auch aus der Ausbildung des jeweils andern lernen.

Am Abend des Montags haben wir uns das Eishockey-Finale der Finnischen Liiga live im Stadion angesehen: Tappara, das Team aus unserem Aufenthaltsort gegen Oulun Kärpät, was Tappara mit einem 2:0 gewann. Es war beeindruckend, wie gut die Stimmung im Stadion war! Vor allem, weil man immer nur hört, die Finnen wären so introvertiert. Hier haben wir das Gegenteil erlebt!

An den weiteren Schultagen bekamen wir weitere Aufgaben, die uns auf die International Skills vorbereiten sollten. Das ist eine jährliche Veranstaltung, an der Finnische Berufsschulen in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antreten. Die Disziplinen sind eigentlich die jeweiligen Ausbildungsbereiche wie Koch, Landschaftsbauer, Maurer, Dachdecker, Mediengestalter, Drucker, Florist und so weiter. Insgesamt gab es 62 verschiedene Disziplinen. Hier wird also eine Menge gezeigt – klar, dass hier viele Schulen hinkommen, um ihren Schülern die Möglichkeit zu geben, sich über möglichst viele Berufe zu informieren und diese bei der Arbeit erleben zu können.

Für die finnischen Teilnehmer des Wettbewerbes geht es hier um einiges: der oder die beste jedes ausgestellten Ausbildungsberufes darf am Finale der International Skills teilnehmen, wo sie gegen Teilnehmer der ganzen Welt antreten; dieses Jahr wird das in Dubai sein.

An diesem Wettbewerb sollten wir auch teilnehmen. Um uns darauf vorzubereiten, bekamen wir Aufgaben, die im Wettbewerb auch vorkommen könnten. Da ich eigentlich Mediengestalter mit Fachrichtung digital bin, hier aber im Print Design antreten werde, waren viele der Aufgaben für mich neu. Hier gibt es ein paar Informationen zu den einzelnen Aufgaben der Skills.

Zwei Hauptstädte an einem Wochenende

An unserem zweiten Wochenende, welches durch den Ersten Mai ein langes Wochenende war, sind wir mit dem Bus nach Helsinki, die Hauptstadt von Finnland gefahren. Hier haben wir die meiste Zeit damit verbracht, so viele Sehenswürdigkeiten wie möglich abzuklappern.

Sibelius-Denkmal in Helsinki.
Der Dom von Helsinki bei gutem Wetter.

 

Am Sonntagabend sind wir mit einer Fähre von Helsinki nach Tallinn, der Hauptstadt Estlands gefahren. Somit konnten wir an einem Wochenende gleich zwei Landeshauptstädte besuchen. In Tallinn hatten wir nur einen Tag Aufenthalt. Um diesen nicht zu verschwenden hatten wir uns vorgenommen, möglichst viel von der Altstadt zu sehen.

der Kirchplatz in Tallinn – eingekreist von Restaurants im Morgennebel.
die Altstadt von Tallinn sieht wirklich alt aus – hier ein Stand eines Händlers vor der Öffnungszeit.

 

Wieder „Zuhause“

Die restliche Woche verbrachten wir wieder damit, uns mit unseren Mitschülern auf die Skills vorzubereiten. Dazu gehörten unter anderem Verpackungsdesign und das Erstellen eines Flyers. Besonders beim Verpackungsdesign habe ich viel gelernt: Wie groß muss Schrift mindestens sein? Was muss in der Inhalts- und Nährwertangabe stehen? Wie hoch muss der Kontrast sein? Wie kann man Falzkanten in das Design mit einbauen?

Das Wochenende haben wir ganz entspannt in Tampere verbracht. Am Sonntag sind wir in den Särkänniemi Freizeitpark gegangen – eine Empfehlung für jeden Achterbahn- und Geschwindigkeitsliebhaber!

In unserer dritten Woche in Finnland haben wir uns während der Schulzeit weiter auf die Skills vorbereitet, unter anderem war das Produktfotografie, Social Media Werbung und das Prüfen von Werbematerial auf Fehler und wie diese Korrigiert werden müssen.

In unserer Freizeit haben wir die letzten Dinge von unserer To-do-Liste abgehakt: Hiking im Nationalpark sowie der lokale Kletterpark gehörten natürlich dazu, die Finnen lieben ihre Natur!

selbst bei 24 Grad haben wir noch die Reste des Winters gefunden.
mit „Natur“ meint man auch Natur in Finnland – gegen das Wetter wurden Stege statt Trampelpfade gebaut.

 

Finnland gegen Deutschland

Am Wochenende haben wir mit einigen unserer finnischen Mitschüler den Eurovision Song Contest verfolgt. Als klar wurde, dass Finnland keine Chance auf eine Top-Plazierung hatte, freuten sich alle über jeden Punkt, der Deutschland zugesprochen wurde. Anders war das am nächsten Tag, als wir mit der gleichen Gruppe das Eishockey-WM Spiel zwischen Deutschland und Finnland gesehen haben. Hier gewann Deutschland überraschend mit einem 3:2 in der Overtime. So schnell wurde noch keine überfüllte Sportbar leer!

Die International Skills

Dann stand auch schon die letzte Woche an: Die International Skills begannen am Montag mit einer Eröffnungszeremonie. Inzwischen waren auch einige ausländische Teams aus ganz Europa und Russland angereist. Hier handelte es sich nicht immer nur um Schüler oder Auszubildende. Einige Teilnehmer waren bereits seit einem oder zwei Jahren ausgelernt, haben sich aber die Zeit genommen, sich auf diesen Wettkampf vorzubereiten.

Dienstag

Am Dienstag begann der Wettkampf. Zu Beginn haben wir alle gar nicht wahrgenommen, wie groß das Areal war. Dennoch logisch, schließlich musste ja Platz für alle der über 60 Disziplinen sein. Wenn dann 5 KFZ-Mechatroniker parallel ein Auto auf Fehler überprüfen sollen, braucht man schon einiges an Platz, ganz zu schweigen vom Landschaftsbauer, Fliesenleger oder Dachdecker!

International Skills in Tampere 2018 – Landschaftsbau.

 

Für uns begann der Wettkampf um 10 Uhr mit dem Gestalten eines T-Shirt Motives für eine Rockband. Hier wurde uns auch erklärt, dass alle Aufgaben, die wir machen werden, von Sponsoren geleitet werden. Die T-Shirt Aufgabe kam von einem Web-Rock-Shop Besitzer, der einen seiner Kunden ein neues Band-T-Shirt vorstellen wollte. Somit war in den Köpfen der Teilnehmer klar: Hier ist keine Arbeit für die Katz. Wenn die Ergebnisse überzeugen werden diese (nach Absprache) in Zukunft in der realen Welt eingesetzt und nicht wie bei anderen Prüfungen im Aktenschrank versauern. Gerade für die Finnen, deren Ausbildung rein schulisch ist, war das natürlich ein extra Ansporn, alles zu geben.

International Skills in Tampere 2018 – Entwürfe für die Rockband

 

Als Nächstes kam die Aufgabe, ein neues Verpackungsdesign für einen lokalen Schokoladenhersteller zu erstellen. Diese neue Verpackung sollte für Schulen genutzt werden, wenn Schüler für z. B. Klassenfahrten Geld sammeln möchten.

Mittwoch

Am Mittwoch musste zum einen ein Flyer erstellt werden und zum anderen die Schokoladenverpackungen, dessen Design wir erstellt hatten, für eine Facebook-Werbung fotografiert werden. Die Social-Media-Werbung über die Schokolade haben wir dann am Donnerstag gemacht; zum Schluss wurde noch ein PDF kontrolliert, genau wie wir es vorher geübt hatten.

International Skills in Tampere 2018 – Konditor.

 

Donnerstag

Am Donnerstagnachmittag waren wir mit all unseren Aufgaben durch und konnten uns endlich selbst mal über das Gelände bewegen und die anderen Wettbewerber bei ihren Tätigkeiten zuschauen. Danach folgte noch die Siegerehrung, welche leider, trotz der vielen internationalen Teilnehmer nur auf Finnisch gehalten wurde. Im Anschluss mussten wir uns auch schon auf den Rückweg machen, denn am nächsten Morgen ging schon unser Flieger.

International Skills in Tampere 2018 – KFZ Mechatroniker.

 

Schlusswort

Zurückblickend kann ich sagen, es war eine wirklich spannende Erfahrung! Zum einen zu erleben, wie eine Ausbildung außerhalb von Deutschland ist: Ich kann versichern, die Schultage sind zwar länger, dafür haben wir alle viel Spaß gehabt. Auch die Mitschüler, die den gleichen Austausch nach Deutschland gemacht haben konnten bestätigen: In Deutschland ist der Unterricht eher streng und stressig, wenn man ihn mit dem finnischen vergleicht. Vielleicht hatten wir auch einfach Glück, da durch die Vorbereitungen auf den Wettkampf weniger Theorie vorkam.

Natürlich habe ich auch meine Englischkenntnisse verbessern können, schließlich war das unsere einzige Chance, uns mit den Einheimischen zu verständigen. Ob wir also nur ein Brötchen beim Bäcker oder uns mit den Mitschülern unterhalten wollten wurde alles in Englisch kommuniziert.

Außerdem war es auch kulturell eine neue Erfahrung. Ich konnte erleben, wie Einheimische die Stadt und ihr Arbeitsumfeld wahrnehmen und allgemein ihren Alltag erleben: z.B. wo man einkauft und wie unterschiedlich das Angebot und die Preise sind. Wenn man nur Urlaub im Ausland macht, immer an Touristenorten im Restaurant essen geht und erst um 10 Uhr aufsteht, bekommt man davon wenig mit.

Der einzige Minuspunkt, den ich meiner einmonatigen Auslands-Ausbildung geben muss ist, dass ich sehr gerne noch in einem Betrieb gewesen wäre. Das hätte eigentlich stattfinden sollen, aufgrund der International Skills ist dies bei uns jedoch ausgefallen.

Ich kann trotzdem nur jedem, der die Gelegenheit bekommt, empfehlen, diese auch zu Nutzen! Ich würde auch ein zweites mal bei dem Erasmus+ Projekt mitmachen.

Ystävällisin terveisin
Euer Lukas

 

Alle Bilder © Lukas Siebe, plantamedium

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